Der Geist, den man ruft

Für Chefarzt Müller-Spahn sind es die Symptome einer sich verschlimmernden Krankheit. Erst kündigt sein Patient an, er werde »demnächst mal wieder mit Hemingway telefonieren.« Dann verlangt er, »mit dem Verrückten« zu sprechen. Aber mit welchem bloß? Die geschlossene Station der Baseler Psychiatrischen Universitätsklinik ist voll von ihnen. Später erst begreift Müller-Spahn, wen Harald Juhnke meint: Hemingway gibt es wirklich, er steht eines Tages mit einem Stoss Manuskriptblätter unterm Arm in der Tür, und verrückt muß er schon deswegen sein, weil er diesen Job übernommen hat. Es ist Dr. Harald Wieser, Juhnkes Ghostwriter.

 

Genau zwei Jahre, vom Januar 1996 bis zum Januar 1998, arbeiten der Journalist Wieser und der Parodist Juhnke an einer »ultimativen Autobiographie« für Deutschlands bekanntesten Entertainer und Trinker. Es ist die Zeit, in der Juhnke als »Königswild der Paparazzimeute« (Wieser) von Alkoholabsturz zu Saufexzeß gehetzt wird, und der 67-jährige macht es seinen Jägern leicht. Eine Woche nach dem ersten Arbeitstreffen mit Wieser landet er für zweieinhalb Monate auf der Intensivstation. 1997 fällt er in einen Glastisch, ohrfeigt eine RTL-Reporterin, beleidigt in den USA einen farbigen Hotelangestellten, was ihm daheim in Deutschland wütende Schlagzeilen als Rassist einbringt, wird schließlich in die Baseler Psychiatrie eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt glaubt Harald Wieser schon nicht mehr ans Gelingen ihres Gemeinschaftsprojektes. Aber Juhnke fängt sich wieder, und weil der Verlag drängt, muß der gefallene Star das fertige Manuskript schließlich »inner Klappse« abnehmen.

Es ist ein seltsames Paar, das da im Aufenthaltsraum der Basler Psychiatrie zusammensitzt: Ein feinsinniger Pfeifenraucher, Enzensberger-Schüler und Ex-»Spiegel«-Redakteur der Eine; ein einst grosser, nun sehr kranker Star der Andere, der im Suff Schnaps aus Aschenbechern säuft und seinen Ghostwriter wohl nur deshalb Hemingway nennt, »weil es der einzige Schriftsteller ist, der ihm einfällt« (Wieser). Intellekt meets Entertainment. Wieser, knapp 20 Jahre jünger als sein Partner, hat mal sechs Jahre lang die Intellektuellendröhnung »Kursbuch« herausgegeben und mit einem einzigen »Spiegel«-Artikel die Karriere des TV-Urgesteins Werner Höfer beendet. Zur gleichen Zeit hat Juhnke so ziemlich den ganzen Boulevard rauf- und runtergespielt, was ihn nicht daran hinderte, ein herausragender Schauspieler zu sein, wohl aber, als solcher wahrgenommen zu werden. Harald und Harald, das ist die kuriose Koalition eines Kopf- mit einem Bauchmenschen. Seltsam nur: Die beiden verstehen sich.

»Ich wußte ja, dass mich mit Juhnke eine Achterbahnfahrt erwartet«, erklärt Wieser, dem der »McBaren«Tabak die Haarspitzen gegilbt hat, »aber gerade diese Aussicht hat mich gereizt.« Drei Monate lang befragt er den legendären »Hauptmann von Köpenick« Tag für Tag im »Gaddafi-Zelt«, einer plastikweißen Pergola im Garten von Juhnkes Berliner Villa, während vorm Gartenzaun Jugendliche fröhlich »Prost, Harald!« brüllen. Juhnke berlinert, Wieser notiert. Der Journalist, der früher Stars wie Boris Becker und Steffi Graf das Mikrofon unter die Nase hielt, verwandelt sich in eine Membran, durch die der Star zu seinem Publikum spricht. Schlüpft in die Seele des Mimen, nistet sich ein, sieht sich um, horcht ihn aus. Sitzt an Juhnkes Bett, wenn der seinen Rausch ausschläft. Hilft ihm, durch den Hinterausgang des Hamburger »Atlantic«-Hotels zu verschwinden, während vorne die Fotografen lauern. Folgt ihm beim Spazierengehen auf dem Kudamm, auf Provinztheatertournee, beim ruhelosen und zugleich zutiefst gelangweilten Herumstromern Daheim, und legt seine Beobachtungen Juhnke als Selbstbetrachtungen in den Mund – »eine höchst schizophrene Konstellation«, wie der Fein-Geist findet. Manchmal habe er sich gefühlt wie Jonas im Bauch des Wales – ein Jonas allerdings, der, nachdem ihn der Wal ausgespuckt hat, allen erzählt, wie’s drinnen aussieht.

Harald Juhnke wird später sagen, die Arbeit am Buch habe ihm das Leben gerettet. »Er war gezwungen, sich mit sich auseinanderzusetzen«, erzählt Franz Müller-Spahn, der Arzt, »er hatte ein Highlight, auf das er sich freuen konnte.«

Was der 67-jährige nicht mehr erinnert, erfragt sein Auto-Biograph bei Zeitzeugen oder liest es sich an – viel Wissen über Juhnkes Alkoholismus beispielsweise, den er von außen verstehen muß, um ihn von innen beschreiben zu können. Mitunter malt er sich auch einfach aus, wie es gewesen sein könnte. »Das war meine Art, in diesen zwei Jahren Urlaub von Juhnke und seinem Leben zu machen«, rechtfertigt sich Wieser, »die Freiheit zum kontrollierten Phantasieren mußte ich mir einfach nehmen. Sonst wäre ich an den Fakten erstickt.« Juhnke hat nichts gegen Wiesers Exkurse einzuwenden, und indem er das fundiert Imaginierte gutheißt, verwandelt es sich in Realität. Auch so wird (Lebens-) Geschichte gemacht.

Während die Rolle des Darstellers nach zwölf Wochen fürs Erste endet, beginnt die seines Schattenautoren gerade erst. Vor ihm liegt ein hoher Stapel transkribierte Juhnke-Verhöre, Skizzen, Beobachtungen. Tausend Seiten Leben. »Diese Phase«, stöhnt Wieser , »ist immer der Horror.« Für einige tausend Journalisten, Werbetexter, Schriftsteller in Deutschland ist dieser Horror Alltag. Es sind seltsame Zwitter, »Herren und Knechte zugleich« (Wieser), die als literarische Dienstleister Geschichten, die nicht die ihren sind, zu Büchern formen, auf deren Umschlag ihr Name nie auftaucht. Die, wenn sie ihren Job ernstnehmen, Psychiater und PR-Beauftragter, Consultant und Kritiker, Co-Autor und Lektor zugleich sind. Das kann – wie bei Harald und Harald – auf wundersame Weise funktionieren. Das kann schiefgehen wie bei Ignatz Bubis, dem verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, dessen Ghost sich während der Arbeit an Bubis‘ Autobiographie als Haider-Jünger outete. Das kann zu Zerwürfnissen führen wie bei Hanns Joachim Friedrichs, dem legendären »Tagesthemen«-Moderator und nebenbei einem Nachbar Wiesers im noblen Hamburg-Harvestehude. Als Friedrichs sich 1991 vom Bildschirm verabschiedet, überredet ihn Harald Wieser zu einer gemeinsam verfaßten Autobiographie. Damit hat Wieser einen Auftrag mehr und einen Freund weniger – nur weiß er es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sechs Wochen hinweg interviewt er Friedrichs, dann sichtet, ordnet und schreibt ein Jahr im Auftrag des Herrn nebenan an dessen Lebensgeschichte. Wenn ein Kapitel fertig ist, nimmt er den Stapel unter den Arm und spaziert drei Häuser weiter zum weißhaarigen Anchorman i.R., der zu diesem Zeitpunkt schon weiss, dass er an Krebs leidet. Immer habe sein Partner das Geschriebene wohlwollend kommentiert, beteuert Wieser; erst gegen Ende, als das fast fertige Buch vorliegt, habe er es sich plötzlich anders überlegt. »In dem Manuskript habe ich mich nicht wiedererkannt«, raunzt der Moderator öffentlich, Wieser revanchiert sich mit der Klage, Friedrichs habe seinen Entwurf »wie mit der Heckenschere« bearbeitet. Schließlich sprechen sich nur noch die Anwälte, während es zwischen den einstigen Freunden Wieser und Friedrichs ganz still wird.

Das ist auch kein Wunder, geht es beim Streit nicht nur um zwei Egos, die aufeinanderprallen, weil der eine sein Leben, der andere seine Arbeit verkannt wähnt, sondern auch um viel Geld: 300000 Mark stehen Wieser für seine Tätigkeit als Friedrichs‘ Beichtvater vertraglich zu; später, für Juhnkes Memoiren mit dem Titel »Meine sieben Leben« wird er sogar eine halbe Million Mark erlösen. Solche Traumhonorare gelten in der ansonsten knauserigen Buchbranche als einsame Ausnahmen. Nach Erfahrung des Münchner Literaturagenten Thomas Montasser, der unter Anderem Petra Gerster und Klaus Maria Brandauer betreut (beides übrigens geist-lose Autoren), liegen die gängigen Honorare eher zwischen 2500 und 50000 Euro für einen Ghost.

Als Auftraggeber fungieren Bestsellerautoren wie Robert Ludlum, Tom Clancy und Clive Cussler, die lieber Profis texten lassen, als sich selbst ums Kleingedruckte zu kümmern. Auch die letzten beiden Konsalik-Romane sollen nicht mehr aus dem Drucker des Fließbandromanciers selbst stammen. Vor allem aber sind es mitteilungsbedürftige Wirtschaftsbosse und Politiker, darunter Spitzenmanager wie Wolfgang »Errol Flynn« Reitzle, Börsenprophet André Kostolany, Unternehmensberater Roland Berger, Post-Werber Christoph Gottschalk und SPD-Dissident Oskar Lafontaine – Menschen also, denen Zeit und Erfahrung zum Selbertexten fehlen. Es ist ein simples Geschäft: Du gibst mir Dein Talent, ich leihe Dir meinen Namen.

Nur die wenigsten bekennen sich allerdings zu diesem Tauschhandel. »Wir Deutschen haben diese unselige Reinheitssehnsucht und müssen deshalb mit Inkonsequenz leben«, bedauert Margit Ketterle, Leiterin des Münchner Econ-Verlages. »Einerseits erwarten die Leser gut geschriebene Bücher, und wenn sie das nicht sind, hauen sie sie einem um die Ohren. Aber dass jemand beim Schreiben geholfen hat, wollen sie partout nicht wissen.« Motto: Wo Lothar Späth draufsteht, soll auch nur Lothar Späth drinsein. Und weil das so ist, mag Ketterle auch nicht verraten, welche ihrer prominenten Buchautoren denn insgeheim kommunikative Steigbügelhalter beschäftigen. Vermutlich sind es eine ganze Reihe, denn um ein Buch zu schreiben, muß man »mindestens ein Vierteljahr lang jeden Tag ein paar Stunden investieren«, so jedenfalls die Erfahrung des Literaturagenten Montasser. Und diese Stunden verbringen Industriekapitäne und Spitzenpolitiker gemeinhin lieber mit angenehmeren Dingen als dem Aneinanderreihen von Worten.

Gerhard Schröder beispielsweise hat sich, als er noch nicht Kanzler war, zwei programmatische Bücher vom Journalisten Reinhard Hesse schreiben lassen, und weil der ehemalige »SZ«-Redakteur diesen Auftrag zur Zufriedenheit erledigte, ernannte ihn Schröder am Tag seines Wahlsieges zum offiziellen Redenschreiber. Seither brütet der 45-jährige Journalist in einem Büro im 6. Stock des Kanzleramtes darüber nach, was sein Chef denken und wie er es sagen könnte. Bis zu sieben Reden pro Woche sind es, die er dem mächtigsten Deutschen in den Mund legt, und die Erfahrung hat Hesse klug gemacht. Mittlerweile weiss er, dass Schröder Wiederholungen hasst, griffige Sprachbilder liebt und dass es zwecklos ist, ihm bei langen Sätzen das Prädikat an den Anfang zu stellen (was ihr Verständnis erleichtern würde), weil der Bundeskanzler es doch wieder ans Ende packt. Manchmal kommt ein Entwurf mit dem Vermerk »Sehr gute Rede!« in grüner Schröder-Tinte zurück. Das sind die Highlights seines Schattenmanndaseins. Ansonsten sei »viel Routinearbeit« zu erledigen, meint der gute Geist des Kanzlers, »aber wann kriegt man sonst schon einmal die Chance, auf die andere Seite zu blicken?«

Harald Wieser, der derzeit mit Sir Peter Ustinov ein gemeinsames Buchprojekt plant, findet den Reiz der Schatten-Schreibe darin, »dass die Arbeit einem Marathon-Lauf gleichkommt. Als Journalist ist man ja eher Sprinter. Sicher, auch eine Monographie wäre Marathon – aber bei ihr hätte ich vorwiegend mit Papier zu tun. Als Geist eines lebendigen Menschen kann man sich viel intensiver in ihn versenken.«

Das Dumme ist nur: Manchmal kommt man nicht mehr aus dem Leben des Anderen heraus, jedenfalls nicht ungeschoren. Die Auseinandersetzung zwischen Hanns Joachim Friedrichs und seinem journalistischem Partner zum Beispiel endet vor Gericht. Am 28. März 1995 – Monate, nachdem »Journalistenleben« erschienen und bereits zu einem Bestseller geworden ist – schließt der Prozess mit einem Vergleich. Als Wieser an diesem Morgen die Stufen des Hamburger Landgerichts hinuntergeht, wird er von einer wartenden Reporterin aufgehalten: »Hanns ist tot.«

»Es war gespenstisch«, sagt Wieser, »und irreparabel. Ich konnte ja nun nicht mehr nach nebenan gehen und sagen: Bitte, Hanns, lass‘ uns die Sache vergessen und wieder Freunde sein.«

Dieses Ende einer Dienstfreundschaft ist umso bitterer, als sich auch Wiesers zweiter Lebensabschnittspartner verabschiedet zu haben scheint. Kurz nachdem er »Meine sieben Leben« im Hamburger Thalia-Theater präsentiert hat, stürzt Juhnke wieder ab. Dieses Mal kann ihm auch Professor Müller-Spahn nicht mehr helfen. Dieses Mal bringt ihn seine Frau in ein Pflegeheim, wo er bis heute lebt.

Harald Wieser weiss, dass ihn sein Alter Ego nicht mehr erkennen würde, so, wie Juhnke heute kaum jemanden mehr erkennt. Er weiss aber auch, dass es trotzdem eines Tages ein Wiedersehen geben wird. In einem seiner letzten Interviews hatte Juhnke sich ausdrücklich gewünscht, dass der Mann, der sein Leben bis in die letzten Ritzen nachlebte, auch bei seinem letzten öffentlichen Auftritt dabeisein solle. Als Sargträger.

HARALD WILLENBROCK