Wo Karstadt shoppen geht

Fangen wir um Weihnachten herum an. Stellen wir uns zunächst eine Frau mittleren Alters irgendwo in Deutschland vor. Sagen wir, es ist die frühe Adventszeit 2004, unsere imaginäre Dame sitzt in ihrem Wohnzimmer und hält auf ihren Knien den aktuellen »Quelle«-Katalog, ein 1450 Seiten umfassendes, papiergewordenes Warenhaus, in dem man vom Bleistift bis zur Kühltruhe so ziemlich alles kaufen kann, was sich ein Mensch ausdenken kann. Der Katalog ist dick und schwer wie ein Ziegel. Unsere Beispielkundin fahndet in ihm nach einem festlichen Kostüm für die Weihnachtsfeiertage, und nach einiger Zeit stösst sie irgendwo jenseits von Seite 200 auf genau das Richtige: Einen auberginefarbenen, elegant geschnittenen Blazer für 49.90 Euro.

Wo der Pfeffer wächst

Es ist ein milder Vor-Monsun-Morgen in Südindien, eine leichte Brise zieht durch die Straßen Bangalores und fächelt den Menschen Kühle zu. Im »International Tech Park« am Stadtrand verschwinden beschlipste Softwareentwickler in gläsernen Bürotürmen, die hochtrabende Bezeichnungen wie »Explorer«, »Creator« oder »Discoverer« tragen. Der Park verfügt über ein eigenes Elektrizitätswerk, eine Shopping Mall sowie ein luxuriöses Appartmenthaus für die besserverdienenden Angestellten. Vor allem aber, und deshalb kreisen am Rande des Tech Parks die Planierraupen, verfügt er über zu wenig Platz fürs Business. Blaubehelmte Arbeiter errichten Bauzäune, ein Kran koffert Erde aus und schafft das Fundament für einen weiteren Officetower in Indiens Boomtown Bangalore. An seinem Greifarm leuchten vier Buchstaben, die hier einen magischen Beiklang haben: TATA.

Zimmer mit Aussicht

Die Farmer rechts und links konnten nichts ahnen, aber die distinguierte Dame mittleren Alters, die an diesem Apriltag des Jahres 1930 den Feldweg zum Schloss hinauffuhr, war so etwas wie eine Berühmtheit. Vita Sackville-West, Sproß einer adeligen Familie, Autorin von über 40 Büchern, Trägerin des renommierten Hawthorne-Preises, Geliebte von Virginia Woolf und Vorbild für »Orlando« in Woolfs gleichnamigen Roman, befand sich auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Sissinghurst Castle, in der sanft gewellten Landschaft Südenglands gelegen, schien dafür ein eher ungewöhnlicher Kandidat. Vom Herrenhaus, das einst an dieser Stelle gestanden hatte, war wenig mehr übrig als die Gesindehäuser, ein paar Stallungen, der backsteinerne Torturm sowie die Grundmauern des ehemaligen Schlosses. Den umgebenden Park hatte sich die Natur längst zurückererobert. Er steckte, wie sich später herausstellen sollte, bis in zwei Meter Tiefe voll vom Gerümpel diverser Jahrhunderte.