Bauernopfer

Ausgezeichnet mit dem Friedrich Vogel-Preis für Wirtschaftsjournalismus und dem Medienpreis Mittelstand
 
Helmut Bleckwenn aus 31174 Garmissen trägt Birkenstocks, Kurzarmhemd und Vollbart, er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Handballer in der Herrenmannschaft des TV Garmissen. Sein Dorf hat weniger als 600 Einwohner, aber immer noch einen Edeka-Laden, einen Arzt, einen Kindergarten und einen eigenen Pastor. Es ist, wie Bleckwenn sagt, „bis heute ein gesundes Dorf“.
 
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Seinen Hof, ein von Kastanien und roten Backsteinmauern umgebenes Viereck mit Fachwerk und blauen Toren, auf dem die Bleckwenns seit mehr als 130 Jahren Rüben anbauen, hat er von seinem Vater übernommen. Eigentlich, sagt der 47-Jährige, habe er sich nie etwas anderes gewünscht, als Bauer zu sein.
 
Seit neuestem ist Helmut Bleckwenn aber auch Lobbyist und Marketingexperte, kritischer Aktionär und Aufsichtsrat, Interviewpartner in Sachen Dritte Welt und Freihandel, Manager eines Maschinenparks und Geschäftsführer einer frisch gegründeten GmbH, die einen Kunstnamen trägt, wie sie all die großen, frisch verschmolzenen Konzerne tragen. Bleckwenn muss all das sein, wenn er seinen Hof, den sein Ururururururur-Großvater vor exakt 291 Jahren begründet hat, über die kommenden Jahre retten will. Denn vor zwei Jahren ist Bleckwenn ins Getriebe der Globalisierung geraten.

Bei den Welthandelsrunden in Cancún, Doha und Genf konnte der Garmissener Bauer zusehen, wie über sein Schicksal verhandelt wurde. In Brüssel debattierten Agrarexperten der EU monatelang über ihn und seinesgleichen. Helmut Bleckwenn sagt, er sei schon mit Drahtwürmern, Dürreperioden und dem Dickicht der EU-Agrarbürokratie fertig geworden – doch der Gegner, mit dem er es jetzt zu tun bekommt, könnte zu stark für ihn sein.

Damals, im Juli 2004, boten die Vertreter der Industrienationen bei der Welthandelsrunde eine schrittweise Absenkung ihrer Agrarsubventionen an. Es war kein ganz freiwilliges Angebot. Im September 2005 gab ein Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO der Klage Brasiliens, Thailands und Australiens statt, derzufolge die Zuckerpolitik der Europäischen Union gegen die Gesetze des freien Welthandels verstieß. Zwei Monate später einigten sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf eine grundlegende Reform ihres Zuckermarktes. Dahinter stand die kleine Einsicht, dass auch Agrarproduzenten der Dritten Welt Zugang zum Weltmarkt erhalten sollten. Und die große Hoffnung auf steigende Exportchancen.

Ein süßes Kartell sorgte dafür, dass Zucker hier dreimal teurer war als auf dem Weltmarkt

Das bedeutete: Jener unsichtbare und unüberwindbare Schutzzaun, der Helmut Bleckwenns Rübenfelder an der Hildesheimer Börde umgab, musste weg. Fast 40 Jahre lang hatte er dort gestanden, errichtet von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die ihre heimischen Rübenbauern vor Marktschwankungen und billigerem Rohrzucker aus Übersee bewahren wollte. Die „Zuckermarktordnung“ (ZMO), wie der Schutzzaun genannt wurde, sorgte mit einem ausgeklügelten System aus Quoten, Garantiepreisen, Exporterstattungen und Zöllen dafür, dass die Konkurrenz draußen und der heimische Absatz gesichert blieb. Wer immer in der EU Zucker verbrauchte, musste einen Mindest-Tonnenpreis von 632 Euro zahlen für ein Produkt, das auf dem Weltmarkt zwischen 125 und 230 Euro gehandelt wurde.

Nicht die EU trug die Kosten, sondern jeder, der in den vergangenen 39 Jahren eine Packung Kekse, eine Coca-Cola oder eine Tüte Haribo gekauft hat. Der Aufpreis summierte sich nach Schätzungen des Europäischen Rechnungshofes auf 6,3 Milliarden Euro im Jahr. Dass die europäischen Keksbäcker, Limoabfüller und Süßwarenindustriellen nicht gegen dieses planwirtschaftliche Diktum aufmuckten, lag daran, dass sie sich von der EU für ihre Mehrkosten entschädigen lassen konnten. Auch das gehörte zur Logik dieses Systems.

Es war, je nach Lesart, „Das süßeste Kartell der Welt“ (»Zeit«), eine „Lizenz zum Gelddrucken“ (Franz Mühlbauer, Professor für Landwirtschaft an der Fachhochschule Weihenstephan) oder schlicht „Irrsinn mit System“ (»Focus«). Dieses System verwandelte den Zuckerrübenanbau selbst im kalten Finnland oder im ebenso ungeeigneten Italien in eine lohnende Angelegenheit. Es führte dazu, dass europäische Rübenbauern mit ihren subventionsgestützten Ernteüberschüssen den Weltmarkt mit Billigzucker überschwemmten und Bauern aus Brasilien oder Thailand auf ihrer Ernte sitzen blieben. Einer Reihe ehemaliger Kolonien in Asien, der Karibik und dem Pazifikraum – den sogenannten AKP-Staaten – gestattete die EU zwar Einfuhren zu privilegierten Konditionen; der ärmere Rest der Zuckerwelt jedoch hatte gegen den europäischen Dumping-Zucker kaum eine Chance.

Auf diese Weise finanzierten, wie die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam beklagte, europäische Verbraucher und Steuerzahler „ein System, das es den Schwächeren unmöglich macht, der Armut zu entrinnen“. Für den Ökonomen und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz war dies ein klassisches Beispiel für die Heuchelei der reichen Industrienationen: „Während sie den Entwicklungsländern gepredigt haben, ihre Wirtschaftszweige nicht zu subventionieren, unterstützten sie ihre Landwirte weiterhin mit Milliarden-Beiträgen, sodass die Entwicklungsländer nicht mithalten konnten.“

Für Helmut Bleckwenn aber war diese Zuckermarktordnung, die mit Markt wenig zu tun hatte, seine Überlebensgrundlage. Sie erlaubte ihm, auf jenen zwei Dritteln seines Landes, auf denen gerade nicht Rüben wuchsen, Getreide und andere Nutzpflanzen anzubauen, obwohl dafür nur ein lächerlicher Preis gezahlt wurde. Sie ermöglichte ihm, drei Kinder großzuziehen und seinen jahrhundertealten Hof über die Zeit zu bringen. „Mit so einem Hof ist es wie bei einem Staffellauf“, sagt Bleckwenn, „der eine gibt an den nächsten weiter. Und natürlich hat man heute Sorgen, dass man der Letzte in der Kette sein könnte.“ Der Landwirt ist ein Beispiel für den Kampf Nord gegen Süd, freier Welthandel gegen Subventionswahnsinn und Arm gegen Reich, in dem die Fronten klar scheinen, jedenfalls auf den ersten Blick.

Den Siegeszug der Zuckerrübe verdanken wir Napoleon und seiner Kontinentalsperre

Schaut man von Helmut Bleckwenns Rübenacker am Rande Garmissens gen Westen, erscheint am Horizont der schmale, backsteinerne Schlot der alten Zuckerfabrik Schellerten. Die Fabrik wurde von Bleckwenns Urururgroßvater 1872 mit gegründet, sein Großvater wiederum war dort Vorstandsvorsitzender.

Die Grundlagen für diese Fabrik legte der Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf. Er entdeckte 1747 die Zuckerbestandteile der norddeutschen Runkelrübe. Zuvor war der Stoff, aus dem die süßen Träume sind, ein teures Importprodukt, das aus Zuckerrohr gepresst, von afrikanischen Sklaven auf den Plantagen Südamerikas geerntet, von den Kolonialmächten über den Atlantik transportiert und an den Höfen Europas vernascht wurde. Karies war eine reine Oberschichtkrankheit und Zucker – neben Silber – der wichtigste Treibstoff der Weltwirtschaft. „Über die angebliche Neuartigkeit der sogenannten Globalisierung“, sagt der Berner Geschichtsprofessor Christoph Maria Merki, „können Historiker nur lächeln. Das unscheinbare Gras führte schon vor drei Jahrhunderten zu Völkerwanderungen, es schuf neue Märkte, band Kontinente aneinander und ließ jene Gewinne entstehen, die dann die industrielle Revolution in Gang setzten.“

Für das süße Potenzial der europäischen Runkelrübe interessierte sich lange kaum jemand – bis zum 21. November 1806, als Napoleon per Kontinentalsperre die Einfuhr englischer Waren stoppte, darunter Rohrzucker aus den Kolonien. In Norddeutschland kam es daraufhin zu einer Gründungswelle bäuerlicher Genossenschaften und kleiner Zuckerfabriken. Auch rund um Helmut Bleckwenns Hof wurden damals Zuckerfabriken wie jene in Schellerten gebaut, „in jedem fünften oder sechsten Dorf gab es eine“. Im Zeitalter der Pferdekutschen und schlechten Wege waren die Landwirte darauf angewiesen, ihre Ernte möglichst ortsnah loszuwerden.

Während Saatzüchter den Zuckergehalt der Beta vulgaris von zwei auf 19 Prozent trieben, kurbelten die kontinentaleuropäischen Regierungen den Rübenzuckerexport mit Exportprämien an. Um die Jahrhundertwende war die innovationsfreudige Zuckerbranche zur bedeutendsten Exportindustrie des Deutschen Reiches gewachsen, „wichtiger als der Kohlebergbau oder die Maschinenindustrie“, sagt der Historiker Merki. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Rübe noch einmal einen letzten Frühling, als sie viele hungernde Flüchtlinge über die Nachkriegswinter brachte. Dann kehrte der freie Welthandel zurück, 1968 machte die Zuckerfabrik Schellerten als eine der ersten von vielen unrentablen dicht. Im Jahr zuvor war der EU-Schutzzaun errichtet worden.

Helmut Bleckwenn belud jedes Jahr zur Erntezeit zwischen September und Heiligabend seine Anhänger und treckerte die Rüben zur Zuckerfabrik im zehn Kilometer entfernten Clauen. Das Werk, das unter anderem den Zucker für Coca-Cola und den Kekshersteller Bahlsen liefert, ist eine der letzten sechs von einst 90 Zuckerfabriken in Norddeutschland.

Auch Bleckwenns einstige Genossenschaft gibt es nicht mehr, sie ist nach einer Kette von Zusammenschlüssen in der mächtigen Nordzucker AG aufgegangen. Der Konzern beherrscht zusammen mit der Südzucker AG in Mannheim und dem Familienunternehmen Pfeifer & Langen im Westen mehr als 90 Prozent des deutschen Zuckermarktes. Die Aktionäre sind 12 000 Rübenbauern, die als Lieferanten und Anteilseigner von Nordzucker an Ertrag und Dividende gleich doppelt verdienten.

Auch deshalb ging es den Rübenbauern lange gut. Wenn Milchbauern in Berlin demonstrierten, froren sie bei Schmuddelwetter vor dem Brandenburger Tor – die Zuckerbauern dagegen mieteten sich für ihre Protestveranstaltung im noblen Maritim-Hotel an der Friedrichstraße ein.

Damals, im Sommer 2004, müssen sie bereits geahnt haben, dass ihnen aller Protest wenig nützen würde. Brasilien, Thailand und Australien hatten bereits ihre Klage beim WTO-Schiedsgericht eingereicht. Die brasilianische Regierung schickte gerade den Zucker-Funktionär Eduardo de Carvalho auf eine Roadshow durch die Industriestaaten, wo er Politikern, Unternehmern und Lobbyisten erklärte, dass sie die Dumping-Exporte einstellen müssten, wenn sie weiter Maschinenteile und Autos, Fabriken und Know-how ins boomende Brasilien exportieren wollten. Es war ein gutes Argument, das besonders beim Exportweltmeister Deutschland auf offene Ohren stieß.

Plötzlich hatten Helmut Bleckwenn und seine Rübenbauern nicht mehr nur Hilfsorganisationen und Wirtschaftsliberale, Brüsseler EU-Reformer und Drittwelt-Aktivisten, sondern auch heimische Maschinenbauer und Industrieverbände gegen sich. Sollte man wirklich Exportchancen für eine überteuerte, hoch subventionierte und letztlich chancenlose Bonsai-Branche opfern?

Peter Mandelson, der EU-Handelskommissar, kündigte vor dem Europäischen Parlament „radikale Veränderungen“ für die europäische Landwirtschaft an. Sie müsse „wettbewerbsfähig“ werden und dürfe „natürlich nicht denselben Produktionsumfang und dieselbe Auswahl an Produkten haben wie bisher“. Die Rübe erwähnte Mandelson mit keinem Wort, aber es war klar, dass er sie meinte. Und weil das so war, zog in der Zentrale der Nordzucker AG in der Braunschweiger Küchenstraße ein Mann ein, wie ihn die Rübenbauern bis dahin allenfalls aus den Medien kannten. Ulrich Nöhle, 53, ist promovierter Lebensmittelchemiker und ein in den Chefetagen von Rowntree Mackintosh, Kraft Foods und Nestlé domestizierter Manager. Die Liste seiner Qualifikationen, Verbandstätigkeiten und Funktionen, die sein Sekretariat auf Anfrage versendet, füllt zwei eng bedruckte DINA4-Blätter; sein letzter Job bei Nestlé war der des Supply Chain Managers für Deutschland.

Warum er den hoch dotierten Posten gegen den Vorstandsvorsitz bei einer Rübenbauern AG eintauschte? Es habe ihn gereizt, „ein Unternehmen zu führen, das gerade in die Schleudertrommel Globalisierung geschoben wird“, sagt Nöhle.

Für die Rübenbauern ist dieser Manager ein Novum, ein Fremdkörper, ein hoch dotierter Lotse aus einer anderen Welt, der geholt wird, weil sie nicht wissen, wie es in ihrer eigenen weitergehen soll. Er ist der erste Nicht-Landwirt an der Spitze des Unternehmens. Seine Aufgabe: das Unternehmen umzubauen von einer staatlich behüteten Rüben-Verteilmaschine zu einem agilen Konzern, der ohne Subventionen in der Weltwirtschaft überleben kann. Kann er das?

Nöhle sagt: „Wo Gefahren sind, gibt es auch Chancen, die Restrukturierung zum eigenen Vorteil zu lenken. Zucker wird mehr und mehr zu einem weltweiten Massengut, wir müssen hier die Chancen ergreifen.“ Nöhle kaufte in den vergangenen Jahren Zuckerfabriken und -quoten in Serbien auf, wo der Boden genauso gut wie in Nordeutschland, die Arbeit aber viel billiger ist. In Braunschweig gründete er eine Tochterfirma namens Innosweet GmbH (Slogan: „Alles Süße aus einer Hand“), die als Dienstleister Lebensmittelkonzerne mit neuartigen Zuckerersatzstoffen und innovativen Rezepturen versorgen soll. In der Unternehmenszentrale dünnte Nöhle die Verwaltung aus, er schloss zwei Zuckerwerke, senkte die Rübenabnahmepreise für die Bauern und sparte so binnen kurzer Zeit 46 Millionen Euro ein. Nöhles Credo: „Wir müssen besser, billiger und schneller werden und uns langfristig schrittweise den Weltmarktbedingungen annähern.“

Auch Helmut Bleckwenn hat längst sein ganz privates Restrukturierungsprogramm hinter sich. Noch sein Großvater, erinnert er sich, habe Zeit seines Lebens nie körperlich arbeiten müssen, sondern allenfalls hoch zu Ross nachgeschaut, ob auf den Feldern auch alles richtig lief. Sein Vater wiederum ernährte nach dem Krieg noch ganze Heerscharen von Erntearbeitern, die Rüben zogen oder die überflüssigen Keimlinge jäteten. Helmut Bleckwenn hat vor neun Jahren seinen letzten Angestellten in die Rente verabschiedet.

Seitdem ist Bleckwenn einsamer Betreiber eines millionenteuren Maschinenparks mit angeschlossener Betriebsfläche. Wenn er im Frühjahr am Steuer seines Traktors das Saatgut ausbringt, lässt ein Computer in genau berechneten Abständen kleine blaue Kügelchen in den Boden tropfen, die neben dem Samen bereits die exakt benötigte Menge Pilzschutzmittel, Insektenvernichter und Steinsalz in sich tragen. Das Saatgut wiederum ist gentechnisch so verändert, dass aus einem Samenkorn genau ein Keimling wächst und niemand mehr die überflüssigen jäten muss. Obwohl er seinen Hof ganz allein bewirtschaftet, geht Bleckwenn joggen oder Handballspielen, wenn er Bewegung braucht. Es ist ein hoch effizienter Agrarbetrieb, in dem sich niemand mehr die Finger schmutzig macht. Aber nach der Logik des Weltmarktes ist er dennoch völlig überholt.

Die Weltbank sagt: Die Liberalisierung des Agrarhandels könnte Jobs für eine Million Arme schaffen. Gegen Mitternacht, wenn Helmut Bleckwenn während der Erntezeit vom Rübenroder steigt, gehen auf der anderen Seite der Erdkugel gerade seine Konkurrenten an ihre Arbeit. Flämmen zunächst die Felder ab, um Schlangen und Skorpione zu vertreiben. Schneiden dann das Zuckerrohr wie vor Hunderten von Jahren per Hand mit der Machete oder der Chumpa, einem sichelartigen Erntemesser. Nicht selten sind es – wie „Human Rights Watch“ herausgefunden hat – Kinderarbeiter, die diese harte, gefährliche Arbeit erledigen.

Aber für die Herren des Zuckerrohrs lohnt sie sich. Im schwülwarmen Äquatorklima gedeiht das übermannshohe Gras prächtig, es liefert nahezu den gleichen Zuckergehalt wie eine Rübe und lässt sich bis zu acht Monate im Jahr ernten. Nach der Verarbeitung ist der Zucker aus Rohr chemisch und geschmacklich absolut identisch mit jenem aus Bleckwenns Rüben. „Zuckerrohr“, weiß Helmut Bleckwenn, „braucht man nur in die Erde zu stecken, und schon wächst es.“ Was ein niedersächsischer Bauer in einem Jahr mit Hightech und Chemikalieneinsatz hereinholt, erntet ein brasilianischer Zuckerrohrschneider mit der Machete in der Hälfte der Zeit. Das Einzige, was den Produzenten des Südens bislang noch fehlte, war ein fairer Zugang zum Weltmarkt.

Glaubt man der Weltbank, dann brächte eine Öffnung der Märkte einen deutlichen Gewinn für alle. In einer Studie schätzt sie den globalen Wohlstandsgewinn, der sich allein bis 2015 aus einer gleichmäßigen Liberalisierung des Agrarhandels ergäbe, auf 250 Milliarden Euro; einer Million Menschen in armen Ländern würde der Wegfall von Handelsbarrieren einen Arbeitsplatz bescheren. Brasiliens Handelsminister Luiz Furlan, der sein Land bei den Welthandelsrunden vertrat, macht noch eine andere Rechnung auf. Länder wie Deutschland könnten den Weltmarkt vergrößern und die Migration aus den armen Ländern in die reicheren verlangsamen, sagte er in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung«, „aber das hängt davon ab, dass andere Länder Wohlstand erreichen können. In einer Zeit, in der viele Länder sich erst entwickeln, entstehen große Chancen für deutsche Unternehmen“.

Doch was passiert mit den europäischen Bauern, wenn Brasilien die Weltmärkte erobert? „Wir reden da von zwei Prozent der Jobs, die an der Landwirtschaft hängen“, so Furlan weiter. „Es gibt also 98 Prozent Möglichkeiten und zwei Prozent Restriktion – das ist doch aus dem Gleichgewicht. Hoffentlich geht da noch einigen ein Licht auf, damit wir eine Einigung hinbekommen.“ Es ist ein Geben und Nehmen, oder, wie Nordzucker-Chef Nöhle es ausdrückt, „ein geordnetes Hauen und Stechen“. Es funktioniert in etwa so: Du lässt meine Agrarprodukte ins Land, dafür senke ich die Einfuhrzölle für deine Maschinen. In diesem Deal ist Bleckwenn das Bauernopfer.

Ausgehandelt wird dieses Geschäft nicht in Garmissen, auch nicht im Staate São Paulo, wo es Zuckerrohrplantagen gibt, die 20-mal so groß sind wie Bleckwenns Ackerfläche, sondern in den Tagungshotels der Welthandelsorganisation, auf den Get-Togethers der Lobbyisten, in Büros wie jenem in der Brüsseler Rue de la Loi, bei Jean-Marc Gazagnes. Gazagnes ist Leiter der Abteilung für Getreide, Zucker, Faserpflanzen und Futtermittel in der Europäischen Kommission und als solcher zuständig für die Details der Zuckermarktreform.

Derzeit wird Gazagnes mit 300 E-Mails am Tag bombardiert. Es melden sich: die Pharmaindustrie und Hefeproduzenten, AKPStaaten und Hilfsorganisationen, Rübenbauern, die Zuckerindustrie, Süßwarenhersteller und sogar Chicoréebauern, weil aus Chicorée ein Alternativprodukt zum Zucker hergestellt wird. Immer, wenn ein einigermaßen tragbarer Kompromiss gefunden scheint, „kommt jemand mit neuen Einwänden und Sorgen, an die ich nicht im Traum gedacht hätte“, seufzt Gazagnes.

Das Ergebnis der Reform: Zucker aus Finnland und mehr Geschäft für den Maschinenbau

Der Kompromiss, auf den sich die EU-Unterhändler schließlich einigten, sieht vor, dass der Schutzzaun vom 1. Juli 2006 an schrittweise abgetragen wird. Die garantierten Preise fallen sukzessive um 36 Prozent, die Produktionsquoten sinken, die EU öffnet ihren Markt. In den kommenden vier Jahren wird die Gemeinschaft ihren Landwirten 60 Prozent ihrer Einkommensverluste ersetzen, ein „Restrukturierungsfonds“ vergibt Ausgleichszahlungen an Zuckerhersteller, die ganz aus dem Geschäft aussteigen. Allerdings gibt es auch Sonderflächenprämien zum Erhalt des Rübenanbaus in Finnland. Es ist ein zuckerwatteweicher EUKompromiss und ein teurer dazu. Es ist, wie Gazagnes glaubt, eine Reform, „die allen wehtut“.

Mauritius beispielsweise, das als AKP-Land bislang 90 Prozent seines Rohzuckers zu gestützten Preisen in die EU exportieren durfte, wird nun vom Preisverfall genauso hart getroffen wie die Bauern der Hildesheimer Börde. Luis Morago, Leiter des Brüsseler Oxfam-Büros wittert deshalb einen „Verrat an den Ärmsten der Armen. Die Entwicklungsländer wurden geopfert, damit Europa sich einigen kann“.

Die Produzenten aus den ärmsten Ländern wiederum werden weitere neun Jahre gegen EU-Quotenzucker auf dem Weltmarkt konkurrieren müssen. Selbst die europäischen Verbraucher werden kaum von der Reform profitieren, weil die Preise erst 2010 um die vollen 36 Prozent sinken. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von sechs Kilo Haushaltszucker bringt das eine Ersparnis von etwa 1,80 Euro pro Kopf und Jahr.

Glaubt man Ulrich Nöhle, sind die einzigen Gewinner der Zuckermarktreform „ganz klar Airbus, der Maschinenbau und das Dienstleistungsgewerbe der EU. Herr Mandelson hat eine Absenkung der Zölle verhandelt, damit wir unsere Hochtechnologieprodukte in aller Welt besser verkaufen – und unsere Kunden mit landwirtschaftlichen Produkten bezahlen können“. Es ist nach der Logik des Welthandels, in der jeder das macht, was er am besten und billigsten kann, die folgerichtige Entscheidung.

Aber für Helmut Bleckwenn ist es eine Niederlage. Ihn erinnert die EU an einen milliardenschweren Dealer, der seine Kunden nach Jahrzehnten Abhängigkeit plötzlich auf Entzug setzt. Alternativen? „Für Weizen lag der Preis im vergangenen Jahr unter 100 Euro pro Tonne, da macht man keinen Gewinn mehr.“ Umstellen auf biologische Landwirtschaft? „Da tobt heute bereits ein Konkurrenzkampf mit Biobauern aus dem ehemaligen Ostblock.“ Ganz neu anfangen? „Wir Rübenbauern haben unser Kapital eben nicht in eine Molkerei oder einen Schlachthof, sondern in Zuckerfabriken gesteckt. So ein Rübenroder kostet eine halbe Million Euro, und den kann man nur fürs Rübenroden einsetzen. Wie soll ich da umstellen?“

Die neue, reformierte Zuckermarktordnung gilt erst einmal bis 2015. Bis dahin, schätzt Nordzucker-Chef Nöhle, wird mehr als die Hälfte der europäischen Rübenbauern aufgegeben haben. Was danach kommt, ist offen. Vermutlich wird der EU-Schutzzaun ganz fallen.

Und so beginnt schon jetzt das Aufrüsten auf beiden Seiten des Weltmarktes. Die einen, zahlenmäßig weit überlegen, starten aus einfachsten Verhältnissen, mit wenig Geld, aber mit den besseren Feldern und der leistungsfähigeren Pflanze. Die anderen haben Hightech und Kapital, aber ein Produkt, das im Vergleich absolut chancenlos ist. Die Frage ist, wem es besser gelingt, bis 2015 die entscheidenden Marktanteile und Lieferverträge, Kontingente und Vertriebswege zu besetzen.

Helmut Bleckwenn hat sich vorbereitet, indem er nach Schweden und Frankreich gereist ist und sich angeschaut hat, wie dort in großem Maßstab Landwirtschaft betrieben wird. Er hat seinen Sohn in die USA geschickt, wo er Methoden des modernen Farmmanagements kennengelernt hat. Und er hat zusammen mit zehn Landwirten aus der Nachbarschaft eine GmbH & Co KG gegründet, in die alle ihre Felder und Maschinen eingebracht haben. Es ist eine Art moderne LPG, die sich neumodisch DexTerra nennt, 865 Hektar bewirtschaftet und vor allem effizienter, leistungsstärker und konkurrenzfähiger produzieren soll. Bleckwenn ist einer ihrer vier Geschäftsführer.

Geht es nach Ulrich Nöhle, dann wird der Zucker der Dex-Terra GmbH künftig von einem Vertriebskonzern namens Eurosugar vermarktet werden, den die Nordzucker gemeinsam mit der französischen Cristal Union und dem Londoner Rohstoffhändler ED&F Man gegründet hat. Sollte die EU-Kommission den Zusammenschluss genehmigen, entstünde auf einen Schlag Europas zweitgrößter Zuckerhändler. Das Interessante dabei: ED&F Man besitzt unter anderem Anteile an tansanischen Zuckerfabriken, deren Erzeugnisse von Eurosugar gemeinsam mit jenen der niedersächsischen Rübenbauern weltweit vermarktet werden sollen.

Es ist die „Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen“-Strategie, zu der es nach Nöhles Überzeugung keine Alternative gibt. „Die Nordzucker AG steht am Scheideweg von einem Rübenzucker erzeugenden Betrieb in Mitteleuropa zu einem global agierenden, Rohstoff erzeugenden Unternehmen“, postuliert der Vorstandschef. Irgendwann nach 2009, wenn die ersten Hürden der Restrukturierung genommen sind, möchte er dieses Unternehmen an die Börse bringen. Aus dem Landwirt und Anteilseigner Helmut Bleckwenn würde damit ein globaler Zuckerhändler, der unter anderem die Produkte seiner ärgsten Konkurrenten vertreibt. Sein Unternehmen wäre dann eine ganz normale Aktiengesellschaft, die den Gesetzen und Grausamkeiten des Kapitalmarkts unterliegt – und dieser Gedanke gefällt ihm nicht. „Ich habe Herrn Nöhle gesagt, dass das Rating von Analysten etwas ganz anderes ist als das bäuerliche Rating“, sagt er nachdenklich. „Wenn ein Unternehmen von der Börse dafür belohnt wird, dass es Leute entlässt, kann das nicht gut sein.“

Ulrich Nöhle erwidert: „Wenn Herr Bleckwenn das sagt, kann ich das sehr gut verstehen. Aber irgendwoher müssen wir das Kapital für unser Wachstum bekommen. Von den Landwirten werden wir es jedenfalls nicht kriegen. Also bleibt für uns die Frage, woher das Kapital sonst kommen soll.“

Die letzte Hoffnung der norddeutschen Rübenbauern: ein hoher Ölpreis und Biosprit

Sie haben gut gelebt hinter diesem Schutzzaun, allerdings auch unter den vermutlich weltweit strengsten Arbeits- und Umweltschutzauflagen. Jetzt verschwindet der Schutzzaun, aber die Auflagen bleiben und mit ihnen die Fragen: Ist es richtig, ein Produkt, das man auch hierzulande herstellen könnte, um die halbe Welt zu schippern? Kann es sein, dass die norddeutsche Zuckerrübenproduktion nur ein Schlenker der Weltpolitik war, mit der Kontinentalsperre am Anfang und der Welthandelsrunde als Schlusspunkt? Profitieren von der Marktöffnung wirklich die Kleinbauern im Süden, oder nicht zuallererst brasilianische Großgrundbesitzer? Sollen die niedersächsischen Rübenbauern für die verfehlte Entwicklungshilfepolitik vieler Jahre zahlen? Und wenn sie es tun: „Was passiert mit dieser Landschaft, der Hildesheimer Börde, mit Garmissen?“, fragt Helmut Bleckwenn, all das habe doch auch einen Wert.

Es sind Fragen, für die im Zeitalter der Globalisierung kein Platz mehr scheint. Letzte Hoffnung setzt Bleckwenn auf Bioethanol, jenen Treibstoff aus vergorenem Zucker, der in Brasilien bereits zu 26 Prozent in handelsüblichem Benzin enthalten ist. Die Südzucker AG investiert derzeit massiv in die neue Technik, und auch die Nordzucker AG baut eine kleinere Anlage. Vor größeren Investitionen fordert Nordzucker-Chef Nöhle allerdings ein „klares Bekenntnis“ der Europäischen Union zum Treibstoff, der auf Feldern wächst. Mit gewissen Abnahmegarantien könnten eines Tages aus subventionierten Lebensmittelproduzenten wie Helmut Bleckwenn sichere, umweltfreundliche Energielieferanten werden – vorausgesetzt, der Ölpreis bleibt hoch.

„Wer weiß, vielleicht sind die eines Tages noch froh, dass wir hier Rüben für die Energieerzeugung anbauen. Andererseits“, sagt der Bauer und kratzt sich am Hinterkopf, „wäre das wieder eine neue Form der Abhängigkeit.“

HARALD WILLENBROCK

 

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