Zeit des Aufbruchs, Zeit der Ideen

A&W: Herr Rams, wenn Sie jetzt einmal die Augen schließen und an Design und Architektur der Fünfziger Jahre zurückdenken...

Dieter Rams: ... dann fällt mir vor allem ein Name ein: Florence Knoll. Die ersten Knoll-Möbel und die ersten Saarinen-Entwürfe eröffneten eine völlig neue, faszinierende Welt für mich. Anfang der Fünfziger Jahre haben wir mit der Werkkunstschule regelrechte Studienreisen zur Stuttgarter Niederlassung von Knoll International unternommen. Andere Reisen gingen in die Schweiz, wo wir uns vor allem Architektur angeschaut haben. Sie müssen bedenken: Das war zu einer Zeit, wo es im Nachkriegsdeutschland noch nicht viel gab und manche meiner Kommilitonen sich in der Schweiz die Taschen mit Bohnenkaffee vollgestopft haben.

 

A&W: Nehmen wir an, Sie könnten sich ein beliebiges Designerstück aus den jener Zeit aussuchen – welches wäre das?

Rams: Da fiele mir die Auswahl schwer, denn mehr als die kurzlebigen Dinge jener Zeit hat mich schon damals japanisches Design und Kunsthandwerk fasziniert – schauen Sie mal dieses Holzschächtelchen an, das ich aus Kyoto mitgebracht habe! Eine Ausnahme waren Designs von Leuten wie Borge Mogensen und Arne Jacobsen, mit denen ich durch meine Arbeit für Nils Vitsoe in Kontakt kam.

A&W: Haben Sie sich damals auch mit dänischen Möbeln eingerichtet?

Rams: Auf einem Jacobsen-Stuhl sitzen Sie ja gerade, aber ansonsten habe ich damals wie heute immer konsequent in meinen eigenen Möbeln gelebt. Nur so konnte ich sie immer genauer verstehen lernen und kontinuierlich verbessern. Sehen Sie das Regalsystem 606 dort an der Wand? Das ist im Laufe vieler Jahre immer weiter gewachsen. Bei späteren Editionen konnte man beispielsweise die Vorderfronten der Regalböden maschinell umkanten – das sah nicht nur besser aus, sondern verlieh ihnen auch zusätzliche Stabilität.

A&W: 1958 eröffnete im schwedischen Älmhult der erste IKEA. Wann haben Sie das unmögliche Möbelhaus erstmals wahrgenommen?

Rams: Genau kann ich das nicht mehr sagen, aber den IKEA-Ansatz des guten Designs für Jedermann traf sich mit meinem ganz persönlichen. Während allerdings bei meinen Möbeln ob ihrer geringen Stückzahlen der Preis oftmals sehr hoch war, musste IKEA mitunter Abstriche bei der Qualität machen.

A&W: Ihre leichten, eleganten Möbeldesigns müssen in den Fünfziger Jahren wie Fremdkörper gewirkt haben in den behäbigen, von schweren Sitzgarnituren und Phonotruhen beherrschten deutschen Wohnzimmern. Erich Kästner bezeichnete das Wiederaufbaujahrzehnt einmal als „motorisierten Biedermeier“.

Rams: Natürlich war es das. Vieles von dem, was nach dem Krieg schnell wiederaufgebaut wurde, war ja ganz fürchterlich und ist zum Teil glücklicherweise bereits wieder abgerissen worden. Die Sechziger Jahre, in denen man in organischen Formen und weichen Wellen wohnte, waren allerdings auch nicht viel besser – vermutlich haben jene Leute, die damals superentspannt auf dem Boden lebten, heute noch Rückenbeschwerden. Die damals populären Wohnlandschaften habe ich in ihrer Oberflächlichkeit wirklich gehasst.

A&W: Andererseits kümmerte sich damals selbst der Bundestag um Design: 1953 beschloss das Parlament die Gründung des „Rat für Formgebung“, den Sie später als Präsident geführt haben. Sein Auftrag: Sich um optimale Gestaltung deutscher Produkte zu kümmern.

Rams: Das war Bundespräsident Theodor Heuss zu verdanken, der ein Mitglied des Werkbundes und diesen Themen gegenüber sehr aufgeschlossen war, sowie dem damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Mitten im bundesdeutschen Biedermeier fand dadurch so etwas wie ein Aufbruch statt. Beide sorgten auch dafür, dass Sepp Ruf und Egon Eiermann den deutschen Pavillon bei der Brüsseler Weltausstellung 1958 gestalten durften: Ein bescheidener, zurückhaltender, aber repräsentativer Bau, und zweifellos der beste Pavillon der ganzen Weltausstellung.
Und dann gab es ja noch 1957 die Internationale Bauaustellung in Berlin, auf der unter Anderem Alvar Aalto, Mies van der Rohe und Walter Gropius vertreten waren. Da musste ich schon deshalb hin, weil viele Architekten ihre Bauten mit BRAUN-Produkten ausgestattet hatten. Besonders beeindruckt hat mich die „Unité d’Habitation, Typ Berlin“ von Le Corbusier mit ihrer ungeheuren Verdichtung. Es war eine spannende Zeit.

A&W: Allerdings war es auch die Ära der Atombombenversuche und Wiederaufrüstung, der Spiegel-Affäre und der beginnenden Studentenbewegung. Tangierte Sie das in irgendeiner Form?

Rams: Natürlich, und ich erinnere mich auch noch genau an jenen Abend, als ich spät aus dem Büro kam, in einem Frankfurter Imbiss stand und durchs Radio die Nachricht von John F. Kennedys Tod kam. Damit starb für mich genauso eine Hoffnung wie für viele meiner Altersgenossen. Andererseits bin ich immer ein Optimist gewesen – ich glaube, als Designer muss man das sein. Und in den Sechzigern war ich immer viel zu beschäftigt, um mich persönlich bei irgendwelchen Demonstrationen zu engagieren.

A&W: Kuriose Konstellation: Ihre Altersgenossen demonstrierten draußen auf der Straße für eine bessere Welt, Sie arbeiteten im Designlabor am selben Ziel.

Rams: Ich glaube in der Tat, dass besseres Design eine bessere Welt schaffen kann. Sie können das beispielsweise am Stadtbild ablesen: Überall dort, wo die Stadtgebiete noch stimmig sind, funktioniert auch das soziale Leben noch. Und wo eh schon Unordnung herrscht, kommt meist noch mehr dazu. Ich finde, man sollte mehr dazu tun, dass sich das Bessere zueinander gesellt.

A&W: Wie muss man sich das Zuhause von Dieter Rams in den Fünfziger Jahren vorstellen?

Rams: In meiner Anfangszeit bei BRAUN lebte ich in einer Dachwohnung im Frankfurter Westend, die so klein war, dass man bis auf vor dem Reissbrett in der Raummitte nirgendwo stehen konnte. Damit ich dort überhaupt Möbel unterbringen konnte, musste ich sie maßanfertigen lassen.
Nach zwei Intermezzi in Eschborn und Königstein habe ich dann 1968 begonnen, hier am Rother Hang in Kronberg unser eigenes Haus zu planen. Als Vorbild diente mir die Siedlung Halen bei Bern von „Atelier 5“ mit eigener Tankstelle, Schwimmbad für alle und dichter Bebauung, die aber dennoch Privatsphäre gewährte – sozusagen eine Art gehobener sozialer Wohnungsbau. Eine Zeitlang hatten Erwin Braun und ich die Idee, hier in Kronberg etwas Ähnliches für Freunde und Mitarbeiter von BRAUN zu errichten. Realisiert wurde davon aber nur unser Haus.

A&W: Gab es damals so etwas wie architektonische Vorbilder für Sie?

Rams: Natürlich Mies van der Rohe und Walter Gropius, aber auch die Architekten von Skidmore, Owings & Merrill, die damals einige US-Konsulargebäude in Deutschland planten. Als Architekt im Frankfurter Büro von Otto Apel war ich von 1953 bis 1955 an einigen dieser bemerkenswerten Projekte beteiligt. Bevor die Bagger anrückten, haben die Amerikaner komplette Segmente im Maßstab 1:1 auf der grünen Wiese aufgebaut und auf diese Weise vorgemacht, wie industrielles Bauen funktionieren kann.

A&W: Ein klassisches Kind jener Zeit ist auch der Wagen, der hier bei Ihnen in der Garage steht: 1964 lief der erste Porsche 911 vom Band.

Rams: Als der 911er auf den Markt kam, habe erst einmal ein paar Jahre das Vorgängermodell, den Porsche 356, weitergefahren, um die Kinderkrankheiten des Neulings vorbeiziehen zu lassen. Mein aktueller 911er ist das letzte Modell mit einem luftgekühlten Motor. Den gebe ich nicht mehr her.

A&W: Ähnlich aufregend waren die Sechziger auch in Sachen Mode. Machte Ihnen der Stil jener Zeit Spaß?

Rams: Mode hat mich schon als Student interessiert, und zwar nicht nur der attraktiven Studentinnen wegen, sondern auch, weil die Modeklasse der Werkbundschule wirklich gute Arbeiten hervorbrachte. Ansonsten habe ich immer Jil Sander mit ihrer Einfachheit in Schnitt und Auffassung bewundert, die 1967 in Hamburg ihre erste Modeboutique eröffnete.

A&W: Wie ist eigentlich aus dem gelernten Schreiner und Architekten Dieter Rams der gefeierte BRAUN-Produktgestalter geworden?

Rams: Purer Zufall, ich kannte das Unternehmen gar nicht. Ein Kollege machte mich 1955 auf eine Zeitungsanzeige aufmerksam, in der die Firma einen Architekten suchte. Wir haben uns dann beide mehr oder weniger aus Neugierde beworben, ich bekam die Stelle, und nachdem ich Erwin Braun kennengelernt hatte, war es um mich geschehen. Zusammen mit seinem Bruder stellte er damals das Unternehmen, das ihr Vater 1921 gegründet hatte, völlig neu auf. Das betraf nicht nur die Produktgestaltung, bei der sie von der Ulmer Hochschule mit Otl Aicher und Hans Gugelot unterstützt wurden, sondern auch die Technik, Kommunikation und sogar den Umgang mit Mitarbeitern. Seinen Angestellten machte BRAUN damals so exotische Angebote wie Arbeitsausgleichsgymnastik, Vollwertkost, Physiotherapie und Saunabad. Derart ganzheitlich war Design zuvor nur von Adriano Olivetti verstanden worden, der in seinem Unternehmen Produktdesign, Architektur, Corporate Identity einheitlich gestalten liess. Für uns bei BRAUN war er das Vorbild schlechthin.

A&W: Eigentlich sollten Sie bei BRAUN nur den damaligen Hausarchitekten unterstützen. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auch ein Händchen fürs Design haben?

Rams: Sehr schnell, die Dinge liegen ja ohnehin eng beeinander. Die Materialien unterscheiden sich mitunter, ebenso einige konstruktive Details, ansonsten aber wachsen Architektur und Design ja immer weiter zusammen. Ich habe mich deshalb auch an der Hamburger Akademie der Bildenden Künste dafür eingesetzt, dass Architektur, Design und visuelle Kommunikation zu einer einzigen Fakultät zusammengelegt werden sollten – vergeblich.

A&W: Gleich ihre erste Designarbeit für BRAUN – eine Radio-Plattenspielerkombination namens „SK 4“, die Sie zusammen mit dem Ulmer Lehrer Hans Gugelot entwarfen – erregte enormes Aufsehen. Wofür steht der Name eigentlich?

Rams: Keine Ahnung. Die Namensgebung bei BRAUN war immer sehr konfus. Aber die „SK 4“ erhielt ja ohnehin sehr schnell den –vermutlich von einem Händler erfundenen – Spitznamen „Schneewittchensarg“.

A&W: Dieser „Schneewittchensarg“ war so ganz anders als alle anderen Musikanlagen jener Zeit: Er kombinierte erstmals Radio und Plattenspieler, verfügte über einen Metall- anstelle des üblichen Holzkorpusses und war komplett von oben zu bedienen. Fällt einem so etwas aus heiterem Himmel ein?

Rams: Es gab kurioserweise einen Vorläufer bei BRAUN selbst, nämlich eine vom Firmengründer Max Braun erdachte Radio-Phono-Kombination, die – wie unsere SK 4 – auf einer Ebene oben angebracht war. Aber deren Existenz hat Erwin Braun uns komplett verheimlicht. Warum? Nun, die Braun-Brüder hatten unter ihrem Vater, der ein Patriarch alter Schule war und Techniker auch schon mal drei Tage lang einschloss, bis ihnen eine Lösung eingefallen war, ziemlich zu leiden gehabt. Ich vermute, dass sie deshalb nach seinem Tod erst mal beweisen wollten, auch ganz unabhängig vom Alten etwas auf die Beine stellen zu können. Was ihnen mit der „SK 4“ dann ja auch gelang.

A&W: War die Anlage eigentlich auch ein ökonomischer Erfolg?

Rams: Eher nicht. Erwin Braun wollte gutes Design für Jedermann, aber durch ihre geringen Stückzahlen landeten BRAUN-Produkte fast zwangsläufig immer in der obersten Preisklasse. Bis in die Siebziger Jahre hinein hat der Phonobereich bei BRAUN immer rote Zahlen geschrieben und musste deshalb vom Kerngeschäft der Rasierer und Blitzgeräte quersubventioniert werden.

A&W: Nachdem Sie immer wieder für Andere Musikanlagen entworfen haben – welche Musik haben Sie eigentlich selbst gehört?

Rams: Miles Davis und Oscar Peterson, aber auch Barockmusik von Bach bis Händel. Daran hat sich bis heute eigentlich wenig geändert.

A&W: Bereits drei Jahre nach ihrem Erscheinen wurde die SK 4 in die Sammlung des New Yorker MOMA aufgenommen. Sie waren damals gerade erst 27 Jahre alt. Wurde Ihnen da nicht ein bisschen schummrig?

Rams: Nein, denn wir waren so beschäftigt mit neuen Projekten, dass wir uns damit gar nicht groß beschäftigt haben. Viel wichtiger war für uns, ob die Firma mit unserem Design Erfolg haben würde. Und die Preise kamen eigentlich bis in die Achtziger Jahre hinein so regelmäßig, dass wir uns richtiggehend daran gewöhnt hatten.

A&W: Wie kommt es eigentlich, dass sie neben Ihrer Aufgabe als Direktor für Produktgestaltung bei BRAUN auch noch Sessel und Regalsysteme für Vitsoe, Türklinken für FSB und alles mögliche Andere entwerfen konnten?

Rams: Erwin Braun war eine echte Unternehmerpersönlichkeit mit dem Mut zum Aufbruch. Der sagte nur: „Lass’ den Rams mal machen, gute Möbel können BRAUN nur nützen.“ Und genauso großzügig wurde mir später meine „Nebentätigkeit“ als Professor in Hamburg erlaubt.

A&W: Wenn Sie heute als Designer neu anfangen könnten, welches Unternehmen oder welches Produkt würde Sie reizen?

Rams: Ich würde wieder mit der Architektur beginnen, aber nicht mit dem Hausbau, sondern der Landschaftsgestaltung. Ich mag es, die Dinge zu pflegen, zu beschneiden und zu formen. Unseren kleinen Garten draußen, den habe ich im Stil eines japanischen angelegt – ganz ohne Ausbildung, rein intuitiv. Solche Dinge interessieren mich viel mehr als ein noch so spektakulärer Museumsneubau. Unsere Lebensumgebung ist heute komplex und vielgestaltig genug. Ich habe immer versucht, diesem Chaos entgegenzuwirken.

A&W: Im Dumont-Designlexikon ist über Sie zu lesen: „Dieter Rams war auch die Inkarnation des typisch deutschen Funktionalismus, gegen dessen Ordnung-Muss-Sein-Prinzip die nächste Generation rebellierte.“ Fühlen Sie sich da korrekt beschrieben?

Rams: Ich hab grundsätzlich was gegen –ismen. „Funktionalität“ ist wichtig, die hat es immer gegeben. Aber „Funktionalismus“ macht das Ganze wieder zu einer beliebigen Stilrichtung. Ich glaube nun mal an die Rückkehr zum Einfachen, Guten und Bescheidenen. Uta Brandes hat das einmal als „Die leise Ordnung der Dinge“ beschrieben. Darin fühle ich mich gut beschrieben.

Interview: Harald Willenbrock

 

Er hat den Alltag und die Wohnzimmer des Wirtschaftswunderdeutschlands ausgestattet wie kaum ein Anderer. Er hat die kleinen Dinge auf seine leise Art groß gemacht und war erst dann zufrieden, wenn sie ihm bis ins Detail perfekt schienen. Er hat Regalsysteme, Tische und Sessel (für Vitsoe), Türklinken für FSB, vor allem aber Küchenmixer, Kaffeemaschinen, Feuerzeuge, Wecker und vieles mehr für die Frankfurter Elektronikmarke BRAUN gestaltet, deren Design er von 1961 bis 1997 verantwortete. Sein bekanntestes Produkt aus dieser Zeit ist die Phonoanlage „SK 4“– eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Ulmer Dozenten Hans Gugelot, die das Ende der Phonotruhen einläutete und unter dem Spitznamen „Schneewittchensarg“ schnell zu einem Sammlerobjekt wurde.

Das Auffälligste an Dieter Rams’ Design aus all diesen Jahren ist das Unauffällige, Pure, Selbstverständliche. „Weniger, aber besser“, lautete sein Credo, das er von 1981 bis 1997 auch als Dozent an der Hamburger Hochschule der bildenden Künste vermittelte. Geboren ist er 1932 in Wiesbaden, Studium an der Werkbundschule in Wiesbaden, 1955 der Job bei BRAUN, 1988 bis 1998 Präsident des Rats für Formgebung, 1997 Abschied von BRAUN und der Universität. Dieter Rams lebt mit seiner Frau Ingeborg, einer Fotografin, in Kronberg/Taunus in demselben Bungalow, der 1971 nach seinen Plänen gebaut und mit seinen selbstentworfenen Möbeln ausgestattet wurde.