Die coolen Achtziger

A&W: Madame Putman, erinnern Sie sich noch an Gordon Gecko?

Andrée Putman: Verzeihung: An wen?

A&W: Gordon Gecko war jener aalglatte Investmentbanker, den Michael Douglas in Oliver Stones Spielfilm „Wall Street“ spielte. Mit seinem gegelten Haar, den schultergepolsterten Sakkos, seinen rüden Geschäftsmethoden und dem Credo „Gier ist gut“ gilt er vielen als die Inkarnation des Achtziger Jahre-Zeitgeistes schlechthin.

Putman: Oh, das stimmt. Die Achtziger waren eine frivole, brillante, oberflächliche Dekade. Vieles drehte sich um Geld, Macht und Statussymbole. Ich habe damals für Ferrari in der Nähe von Paris eine Show gestaltet, deren Höhepunkt darin bestand, dass ein knallroter Ferrari an einem Ballon aufs Ausstellungsgelände schwebte. Es war die bestbesuchte Ausstellung des Jahres.

 

Ähnlich exzentrisch war die Mode. Eine Thierry Mugler-Silhouette konnte man damals auf hundert Meter Entfernung erkennen, weil sie unglaublich schmal an den Hüften und dafür extrem breit an den Schultern war. Als Frau war es in den Achtziger Jahren eine Art Pflicht, solch eine Silhouette zu haben – keine schöne Pflicht, würde ich sagen, aber eine interessante.

A&W: Für Sie brachte die Dekade den Durchbruch.

Putman: Die Achtziger waren einfach eine sehr gute Phase, um innovativ zu sein. Alles war erlaubt. Vieles, was vorher undenkbar schien, wurde akzeptiert. Es herrschte eine verrückte Stimmung und eine extreme Ausgelassenheit. Alle waren fröhlich – sieht man einmal von jener seltsamen, unbekannten Krankheit ab, die sich damals wie ein trauriger Schatten über die Zeit zu legen begann. Aber auch das war typisch für die Achtziger: Alle waren überzeugt, dass es nur eine kurze Frage der Zeit sein könnte, bis ein wirksames Gegenmittel gegen AIDS gefunden wäre. Umso verrückter wurde getanzt und gefeiert – genau wie in einem Krieg, wenn die Menschen wissen, dass der Tod nahe ist.

A&W: Wenn es einen Ort auf der Erde gab, an dem damals gefeiert wurde, dann war es das legendäre „Studio 54“ in New York. Und Sie waren mittendrin.

Putman: Ich gehörte damals zu einer Clique um Yves Saint Laurent, dessen Showrooms ich eingerichtet hatte. Durch ihn kam ich mit einer Szene zusammen, die sich mir sonst nie erschlossen hätte: Andy Warhol, Keith Haring und Diana Vreeland, aber auch Ian Schrager und Steve Rubell.

A&W: ... die beiden Gründer des „Studio 54“, die nach der spektakulären Schließung des Nachtclubs ins Gefängnis wanderten. Nach ihrer Entlassung stürzten sie sich ins Hotelbusiness – und beauftragten Sie mit der Einrichtung ihres ersten Hotels, des „Morgan’s“ in New York.

Putman: Ian und Steve waren so etwas wie die Könige von New York. Ich war ihnen empfohlen worden als „eine Frau, die auch ohne Marmor ein wunderbares Badezimmer gestalten kann“. Diese Botschaft – dass ich etwas Luxuriöses kreieren konnte, ohne viel Geld und die üblichen Statussymbole einzusetzen – hatte sie neugierig gemacht. Mir hat es immer Spaß gemacht, mit ungewöhnlichen Möglichkeiten zu spielen und unvernünftige Dinge zu tun. Ich wollte innovativ sein, ohne schockierend zu wirken.

A&W: Wie war es, für zwei Ex-Sträflinge zu arbeiten?

Putman: Ach, das ist vermutlich typisch amerikanisch: Wenn man in den USA einmal seine Strafe abgesessen hat, gilt man als Unschuldsengel. Allerdings hatten Steve und Ian kaum Geld für ihr Projekt, und als wir die Madison Avenue heruntergingen, um das Gebäude zu besichtigen, das ich umbauen sollte, blieben sie vor einem hässlichen alten Haus stehen, in dem sich Dealer und Zuhälter tummelten. „Jetzt mal im Ernst, zeigt mir endlich das Hotel“, lachte ich – in der Annahme, es handele sich um einen Scherz. Doch es war keiner.

A&W: Wie sind Sie auf die Idee mit den schwarz-weissen Fliesen gekommen, die dem „Morgan’s“ seinen charakteristischen Look geben?

Putman: Aus purer Not. Ich hatte lediglich ein lächerliches Budget zur Verfügung, also hielt ich nach den billigsten Fliesen Ausschau, die in den USA zu haben waren. Die waren rosafarben, und da ich nicht gerade die Göttin des Rosa bin, habe ich die zweitbilligsten Fliesen gewählt: Weisse. Doch alles in weiss? Wie schrecklich öde! Also fragte ich nach schwarzen... und bekam sie. Ja, das war’s! Wir kachelten die Badezimmer in Schwarz und Weiss und plötzlich hatten wir richtig hübsche Bäder. Das Schwarz-Weiss wurde zu einem Markenzeichen.

A&W: Stimmt es, dass mit dem „Morgan’s“ die Gattung des „Boutique-Hotels“ geboren wurde?

Putman: So war es. Ein Boutique-Hotel muss man sich vorstellen wie einen quirligen Marktplatz oder eine permanente Party. Es entdeckt und setzt Trends. Es zieht interessante Leute an, ganz einfach deshalb, weil interessante Leute dort absteigen. Es ist ein bisschen snobistisch. Sein Versprechen lautet: Kommen Sie wieder, wir haben neue Überraschungen für Sie.

A&W: Könnten Sie sich vorstellen, so wie der Schriftsteller Vladimir Nabokov ihr Leben in einem Hotel zu verbringen?

Putman: Nein, denn ich würde alles sofort so verändern wollen, wie ich es für richtig halte. Aber ich bin sicher, dass Nabokov im Montreux Palace Hotel dasselbe getan hat.

A&W: Sie haben weder Design studiert noch Innenarchitektur gelernt. Woher stammt Ihr Stilgefühl?

Putman: Schon im Alter von zehn Jahren habe ich meine Mutter angebettelt, mein Zimmer so weiss einzurichten wie die Zimmer eines Krankenhauses. Den überladenen Dekor, die Konventionen und Regeln der Bourgeoisie, in der ich aufgewachsen bin, habe ich gehasst. Sie raubten mir den Atem. Ich habe damals schon versucht, Räume zu leeren. Dabei ist es geblieben.

A&W: Nehmen wir an, Sie würden vom Museum of Modern Art gebeten, eine Ausstellung zum Thema „Design der Achtziger“ zusammenzustellen. Welches wären Ihre wichtigsten Exponate?

Putman: Die Achtziger gehörten zweifelsohne Ettore Sottsass und „Memphis“. Ich war bei der ersten Ausstellung in Mailand zu Gast, bei der „Memphis“ 1980 an die Öffentlichkeit trat und konnte beobachten, wie Karl Lagerfeld damals massiv Objekte von „Memphis“ gekauft und auf die Weise der Gruppe beim Start sehr geholfen hat. Einen Ehrenplatz in meiner Ausstellung würde ich auch Philippe Starck einräumen, wenngleich ich einige Aspekte seines Hoteldesigns nicht mag. Philippe hat einen fabelhaften Sinn für Humor.

A&W: Den Achtziger Jahren verdankt die Welt vor allem drei populäre Produkte: Swatch, Apple Macintosh und den Walkman. Können Sie für eines der drei Ihr Herz erwärmen?

Putman: Computer sind bis heute nichts für mich, und einen „Sony Walkman“ habe ich zwar einmal geschenkt bekommen, aber nie benutzt. Mit einem Gerät am Körper fühle mich taub, paralysiert, blockiert. Die Swatch hingegen ist schlichtweg genial, denn sie hat mehr Chic als so manche mit kostbaren Steinen besetzte Uhr. Ich habe schon so viele teure Uhren von großen Juwelieren gesehen, die einfach schrecklich aussahen, schrecklich!

A&W: Gibt es ein Haus aus den Achtziger Jahren, in dem Sie gerne leben würden?

Putman: Jean Nouvels Institut du Monde Arabe ist ein wunderbares Stück Architektur. Gleiches gilt für die Grande Bibliothèque, auch wenn sie eigentlich nicht so geworden ist, wie Dominique Perrault sie sich vorgestellt hatte. Auch John Pawsons Arbeiten gefallen mir sehr. Es gibt so viele banale Bauwerke, da bilden diese erfreuliche Ausnahmen, weil sie für sich selbst stehen können. Ich mag Architekten, die auf diese Art konsequent sind.

A&W: Eine ihrer legendärsten Arbeiten war 1990 die Neugestaltung der „Concorde“-Kabinen. Vermissen Sie das Reisen im Jet Set?

Putman: Ich bin oft mit der Concorde geflogen, aber ich mochte sie nicht sehr. Ihre Kabine war einfach zu eng und wenig komfortabel. Doch die Arbeit mit ihr hat mir einen geradezu lächerlichen Ruhm eingebracht. Seit ich die Concorde neu gestaltet habe, behandeln mich manche Leute wie eine Göttin.

A&W: Die „Concorde“ scheint wie ein schönes Synonym für die Achtziger: Ein Leben in Überschallgeschwindigkeit, das eines Tages mit einem üblen Absturz endet.

Putman: Es stimmt, verglichen mit der Lebensfreude von damals ist unsere Zeit geradezu trist. Allerdings waren die Achtziger auch die große Zeit des Kokains und Heroins. Ich habe viele Freunde an Drogen verloren, und fast auch meinen Sohn Cyrille. Nach meiner Scheidung geriet er an Heroin und verschwand für sechs Monate, ohne dass wir wussten, ob und wo er lebte. Selbst seine Schwester, die damals zehn Jahre alt war, begann, sich für diese Welt zu interessieren. Es war ein Alptraum, den nachzuleben ich niemandem empfehlen kann. Heute ist Cyrille glücklich verheiratet, und ich bin Großmutter eines zwölfjährigen Enkels. Die Achtziger waren eine frivole Dekade, unter deren schillernder Oberfläche sich verborgene Dramen abspielten.

A&W: Erinnern Sie sich noch an den 20. April 1986 – den Tag, an dem der Reaktor von Tschernobyl explodierte?

Putman: Natürlich, es war purer Terror. Ich arbeitete zu der Zeit an einem Projekt für ein Museum auf Korsika und damit einer Gegend, die vom radioaktiven Fallout besonders betroffen war. Ich wohnte in der Nähe eines alten Dorfes, in dem gerade das wunderbare Haus für den Dorfarzt gebaut wurde. Ein sehr interessanter Mann. Eines Morgens erschien er plötzlich nicht zu einer Verabredung, und ich erfuhr, dass er das Dorf verlassen musste, weil er die Wahrheit gesagt hatte: Dass all unser Gemüse, unsere Früchte, unser Essen radioaktiv verseucht sei. Eine traurige Erkenntnis bewahrheitete sich: Wolken machen an Grenzen nicht Halt.

A&W: Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, die Sie in jedes beliebige Jahrzehnt zurücktransportieren könnte: Wären die Achtziger für Sie ein interessanter Zwischenstopp, oder würden Sie sie lieber links liegen lassen?

Putman: Es war eine extrem intensive Periode, in der ich sehr viel ausgegangen bin und sehr viel gearbeitet habe – also genau das, was eine geschiedene Frau mit einem jungen Unternehmen und zwei Kindern, von denen eines Drogen nimmt, zum Überleben braucht. Insofern würde ich sagen: Ja, lassen Sie uns dort einmal Halt machen.

Interview: Harald Willenbrock

 

Hätte sie auf ihre Mutter gehört, dann wäre Andrée Putman heute nicht eine der führenden Innenarchitektinnen, sondern eine professionelle Pianistin. Andrée Aynard (wie die Grande Dame des eleganten Stils mit Mädchennamen heisst) wurde 1925 in eine Familie des Pariser Großbürgertums geboren. Ihr Großvater war Präsident der Nationalversammlung gewesen, ihre Großmutter Nachfahrin der Gebrüder Montgolfier, und ihre Sommerferien verbrachte die Familie in einer eigenen, zum UNESCO-Welterbe zählenden Zisterzienserabtei im Burgund. Ihrer eigenen Stimme folgend, schloss Andrée mit 20 Jahren für immer den Deckel des Pianos, begann eine Karriere als Journalistin und Stylistin, förderte Talente wie Jean Paul Gaultier, Thierry Mugler und Issey Miyake, heiratete den Kunsthändler Jacques Putman und wurde Mutter zweier Kinder. Mit ihrer Scheidung 1976 („Eine Katastrophe, die mir im Nachhinein viel Gutes gebracht hat“) begann ihre eigentliche Karriere. Putman gründete die Firma „Écart“, die Designklassiker aus den Dreißiger Jahren neu auflegte, gestaltete Geschäfte für Cartier und Ebel, stattete das Büro des Kulturministers Jack Lang und die Wohnungen von Karl Lagerfeld aus. Zu ihren bedeutendsten Arbeiten zählen das Interieur der „Concorde“, und von Boutiquehotels wie das „Morgans“ in New York, das „Hotel im Wasserturm“ (Köln) und das Wolfsburger „Ritz Carlton“. Nebenbei stattete sie Peter Greenaways Film „Pillowbook“ aus, modelte für die Modekette „Gap“ und rappte mit dem Musiker Emmanuel Santarromana. Derzeit plant ihr 20 Mitarbeiter-Büro, das in einer wunderbaren Jahrhundertwende-Villa in einem Hinterhof in Paris-Montparnasse untergebracht ist, an einem Boarding Tower in Hongkong, der den Namen „The Putman“ tragen wird.